Diese mit Kräuter gefüllten Beutel werden in heißes Öl getunkt und auf den ganzen Körper gestempelt. Eine der angenehmen Behandlungen.

Zurück in Indien

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es ist schon lustig, wie das Leben manchmal so spielt. Auf meiner Reise war Indien ja das Land, das mir am wenigsten gefallen hat und nun…. ja und nun bin ich zurück hier in diesem Indien. Sogar freiwillig! Es ist halt das Land des Ayurveda und Yoga und von dem her kann ich nicht groß aus! Ich geb Indien nochmal eine Chance! Ich bin gespannt, wie ich dieses Mal Indien empfinde. Ob ich auch wieder genervt bin, mich unfrei fühle, genervt von den Männern bin, alles zu laut, zu unfreundlich, zu dreckig und zu viel ist.

Im Moment bin ich in Kerala, ziemlich an der Südspitze von Indien. Kerala hebt sich sehr von den anderen Bundesstaaten ab. Seit der Unabhängigkeit wird der Bundesstaat kommunistisch regiert, die Leute sind relativ reich für indische Verhältnisse, liegt wahrscheinlich auch daran, dass es hier alles im Überfluss gibt, es ist ein sehr grüner Bundesstaat. Es wird hier Reis, Gewürze, Tee, etc. angebaut. Es gibt Kautschukplantagen, Kokosnussplantagen, Tourismus, etc. Außerdem geht hier die Analphabetisierungsrate gegen Null, dank der kommunistischen Regierung. Beides einmalig in Indien.

Ich mache hier in einem kleinen Resort eine Ayurveda Kur, quasi Fortbildung am eigenen Leib. Ein geeignetes Ayurveda Resort zu finden ist nicht einfach, die Auswahl ist riesig und wächst kontinuierlich. Mittlerweile kommen Leute aus der ganzen Welt um hier in Indien und insbesondere in Kerala eine Ayurveda Kur zu machen. Und seitdem der Westen nun mehr und mehr Ayurveda entdeckt boomt Ayurveda auch wieder in Indien. Ayurveda wurde zu Zeiten der Kolonialisierung durch die Briten sogar verboten, propagiert wurde nur noch die westliche Medizin. Nur langsam kehrt Ayurveda in Indien in das Bewusstsein der breiten Bevölkerungsschicht zurück, dank auch des großen Interesses des Westens. Ayurveda Medizin wird sehr oft nur von den Ärmeren genutzt, die sich keinen „richtigen“ Arzt leisten können, aber mehr und mehr steigt auch wieder das Interesse in den reicheren Bevölkerungsschichten an dieser Jahrtausende alten Heilkunst.

Was viele nicht wissen eine originale Ayurvedakur ist kein Wellnessaufenthalt mit tollen entspannenden Ölmassagen, sondern gleicht viel mehr einem ernstzunehmenden Klinikaufenthalt. Manchmal kommt man sich auch ein bisschen wie auf der Schlachtbank vor. Man liegt völlig nackt, nur ein kleiner Stoffstreifen verhüllt die „private parts“, die aber im Laufe der Behandlungen oft auch nicht mehr privat bleiben, auf dem Behandlungstisch. Die meisten Räume sind bis oben hin gefliest und mit Neonlicht beleuchtet, nur die indischen Mantren, die aus den Lautsprecher dudeln, solange Strom da ist, schaffen eine etwas relaxte Atmosphäre. Der Körper gleicht einer Maschine, die von innen und von außen gereinigt, gewaschen, durchgespült, geölt und poliert werden muss. Und alle Mittel sind dafür recht. Vor allem die ersten Tage sind hart, den das Motto lautet Entgiften, Entgiften, Entgiften. Zum Glück sind diese etwas unangenehmeren Prozeduren relativ schnell erledigt, aber um ehrlich zu sein, an das ein oder andere muss man sich schon erstmal gewöhnen. Um den Körper von innen heraus zu entgiften wird über die 2 zur Verfügung stehenden Wege gearbeitet. Einmal über die Haut, d. h. über tägliches Schwitzen was durch heißen Dampf oder heiße „Bäder“ passiert. Wobei Bad kein herkömmliches Bad in der Badewanne ist, sondern man liegt auf dem Behandlungstisch und wird eine dreiviertel Stunde mit heißer Kräuterflüssigkeit begossen. Die zweite Entgiftungsmethode wird ganz natürlich über den Verdauungstrakt vollzogen, was die Sache schon unangenehmer macht, den die Gifte müssen entweder oben oder unten raus. Die 3 entsprechenden Methoden sind Erbrechen, Abführmittel und Einlauf. Das Erbrechen erinnert an frühere Jugendsünden, wo man sich Alkohol runtergekippt hat, zum Kotzen mit Finger in den Mund aufs Klo ist um dann wieder weiter trinken zu können (kenn ich natürlich nur vom hören sagen). Nach dem gleichen Prinzip läuft es hier, man kippt sich 4 Liter Flüssigkeit so schnell wie möglich runter und kotzt zwischendurch alles wieder raus. Solange eben bis die 4 Liter weggetrunken sind. Dauer: ca. 15 Minuten. Dabei helfen einem aber zwei indische Therapeutinnen, halten einem die Haare, streicheln den Rücken, unterstützen die Bauchmuskeln beim Kotzen, reichen Tücher zum Abwischen und das nächste Glas zum Weitertrinken. Wie die besten Freundinnen früher, stehen sie einem bei und machen die Prozedur so angenehm wie möglich. Das Getränk schmeckt gar nicht so schlimm, hat aber eben den Effekt, dass man sich unweigerlich übergeben muss. Die zweite Methode mit Abführmittel an sich wäre nicht so unangenehm, wenn das Abführmittel nicht Kuhpisse gewesen wäre, was ich allerdings erst realisiert habe, als es schon unten war. Schlauerweise bekommt man vorher ein Stück Zucker zu essen und muss beim Trinken die Nase zu halten. Aber Respekt das Zeug wirkt! Da die Kuh täglich neben meinem Zimmer grast sind wir jetzt aber mittlerweile schon Freundinnen und ich finde es auch nicht mehr so schlimm. Sie ist ja echt eine ganz Nette. Ob sie weiß, was ich weiß? Außerdem ist sie eine ganz besonders heilige und spirituelle Ayurveda-Kuh, die  täglich vom Arzt mit Mantren (heiligen Gesängen) bearbeitet wird. War also quasi heilige Pisse. Gott sei Dank waren es diesmal keine 4 Liter, die ich trinken musste, sondern nur ein großer Schluck. Auf Nachfrage, ob es wirklich war, was ich vermutete, hat mir der Arzt erklärt, dass es ganz sauberer destillierter Urin wäre, wie z. B. bei einem Whiskey. Also quasi Whiskey mit Kuhstallgeruch! Na dann Prost. Auch an die dritte Entgiftungsmethode gewöhnt man sich unweigerlich: der Einlauf! Tägliches Volumen: 1,3 Liter. Und glaubt mir, das ist einiges was da in den Dickdarm rein soll! Kommt dann aber zumindest schneller wieder raus, als es rein gebraucht hat…. Hahaha, sorry :-) Da ich ein äußerst resistenter Detox-Patient bin hatte ich 10 Tage hintereinander das Vergnügen.

So jetzt hab ich euch erst alle mal richtig geschockt und jeder, der bisher mit einer Ayurvedakur bereits geliebäugelt hat denkt sich nun: NIEMALS. Aber ich muss meine Leser ja auch irgendwie bei der Stange halten und da ich im Moment mit keinen anderen Sensationsmeldungen aufwarten kann, musste ich bei der Entgiftung etwas mehr ins Detail gehen. Es gibt nun keine weiteren Sensationsmeldungen, versprochen, würde mich aber trotzdem freuen, wenn ihr weiterlest.

Was ist eine Ayurvedakur, auch Panchakarma genannt. Panchakarma bedeutet „5 Handlungen“, das sind fünf Wege der Reinigung und Entgiftung: Einläufe (Vasti), Abführen (Virechana), therapeutisches Erbrechen (Vamana), therapeutische Reinigung über die Nase (Nasya) oder Aderlass (Rakta Moksha). Bevor die Kur beginnt führt der Arzt ein Eingangsgespräch und -untersuchung, die die gesamte Krankheitsgeschichte und den gesamten Körper und Menschen betreffen. Er wählt dann die entsprechenden Maßnahmen aus und kontrolliert jeden Tag die Fortschritte und ändert gegebenenfalls die Behandlungsmethoden. Der Unterschied im Ayurveda im Gegensatz zur modernen Medizin ist, dass durch die Entgiftung und zusätzlichen Behandlungen wie Ölmassagen etc, der gesamte Körper wieder in Balance gebracht wird, ist der Körper in Balance fängt er an sich selber zu heilen und wieder richtig zu funktionieren. Ich erhoffe mir von der Kur z. B. dass meine Haut besser wird. Die Hautärzte zu Hause verschreiben zig Cremes, Lotionen, Wässerchen und Termine bei der Kosmetikerin. Ein riesiges Geschäft, in dem die Pharmaindustrie, die Ärzte, Kosmetikerinnen und Drogerien gutes Geld verdienen, ohne dass man selber das Problem in den Griff bekommt. Alle Hautärzte sagten mir, meine Talgproduktion wäre zu hoch und dagegen könnte man außer mit Hormonen nichts machen. Frei nach dem Motto „Schönheit kommt von innen“, geht Ayurveda tiefer. Talgproduktion wird Pitta, dem Feuerelement zugeordnet. Pitta befindet sich z. B. auch im Blut, deshalb ist unser Blut warm und reguliert die Körpertemperatur. Zuviel Pitta im Körper verursacht bei dem einen Akne, beim anderen Ausschlag, Nesseln, Entzündungen, usw. So viel wußte ich mittlerweile auch schon, was neu für mich war, dass bei mir Pitta nur das Symptom war, Ursache war mein zu hohes Kapha (Erdelement). Kapha ist träge, bewegt sich nicht und kann den Körper schwer machen, Kanäle verstopfen und genau dieses Kapha ist bei mir zu hoch. Es hindert das Pitta (Blut) am fließen und verursacht bei mir Akne. Ziel der ganzen Entgiftung ist nun mein Kapha im Körper zu reduzieren…. Nach 2 Wochen merke ich schon, wie die Schwere aus meinen Körper weicht, ich leichter aufstehen kann, mein Kopf klarer ist und meine Haut reiner wird. Ein guter Ayurvedaarzt kann dies alles aus dem Puls lesen. Der Puls und damit das Blut trägt alle Kommunikation des Körpers in sich. Insbesondere die 3 körperregulierenden Lebensenergien Vata, Pitta und Kapha. Sind diese Energien im Körper gestört durch falsches Essen, Lebensstil, Streß etc dann verursachen sie über kurz oder lang Krankheiten. Ayurveda zielt also darauf ab, diese 3 Energien im Körper wieder zu balancieren und damit ist (meistens) auch die tiefste Ursache der Krankheit beseitigt und der Körper kann heilen.

Neben den Entgiftungsmaßnahmen hat man Gott sei Dank noch zusätzliche Behandlungen, die dann doch eher in die Wellnessrichtung gehen: Bauchmassagen, Ölmassagen, Stirnguß, etc. Bei Shirodhara (Stirnguß) wird z. B. eine dreiviertel Stunde Kräuterwasser, Buttermilch oder Öl auf die Stirn und Kopf geträufelt, was eine unglaublich entspannende Wirkung auf den Körper und Geist hat. Alle Nerven und Muskeln sind danach so entspannt, dass man fast das Gefühl hat man sei gelähmt und man kann sich erstmal kaum bewegen. Wow, wanke jedesmal wie ferngesteuert auf mein Zimmer zurück und muss mich erstmal nochmal hinlegen :-) Die Therapeuten (nur Frauen für Frauen und Männer für Männer in seriösen Etablisements) sind super nett und sehr um einen bemüht. Das Essen ist sehr lecker und sehr gesund. Natürlich vegetarisch, kein Tee, kein Kaffee. Viele werden während der Entgiftung erstmal auf Diät gesetzt, ich hab z. B.  die ersten 6 Tage zum Frühstück, Mittag und Abend nur Reissuppe mit Green Gram (indische Bohnenart) gegessen, war lecker, aber irgendwann ist dann auch mal gut. Das positive daran, mein Bauchumfang hat sich schon um 5 cm reduziert!

Ich kann hier nur beschreiben, was bei mir gemacht wurde. Jeder wird hier individuell behandelt und bei jedem läuft eine Kur anders ab. So essen manche z. B. nur 1 Tag Reissuppe (ich 6 Tage), andere haben nur 4 Einläufe (ich 10), mache bekommen Ölmassagen (ich keine)…. Es gibt hier kein Konzept, dass allen übergestülpt wird, sondern jeder einzelne Körper erzählt dem Arzt täglich seine Reaktionen und damit seinen Zustand, darauf aufbauend wird behandelt, der Körper in Balance gebracht und als Nebeneffekt Krankheiten geheilt.

Eigentlich sollte man während des Aufenthaltes das Resort nicht verlassen, um den Heilungserfolg nicht zu gefährden, z. B. mit Fleisch, Alkohol, Frittierten oder Schokolade, die einem dann plötzlich über den Weg laufen. Aber 3x hab ich mich doch schon nach draußen gewagt. Einmal um mit Mit-Patienten einen kleinen Ausflug in die Backwaters zu machen, die hier gleich ums Eck sind, einmal um mein Busticket nach Mysore zu buchen und einmal zur kleinen Fototour rund ums Resort. Kerala gefällt mir hier am Land zumindest sehr gut. Die Leute sind alle sehr nett, man bekommt sogar auch ein Lächeln auf der Straße geschenkt ohne dafür arbeiten zu müssen und die Männer starren einem nicht nach, als wäre man Freiwild auf der Straße. Ich genieße es wieder unterwegs zu sein. Es ist herrlich wieder im Tuk-Tuk durch die Straßen zu düsen, auch wenn es nach Abgase stinkt ohne Ende und man sich um den Preis „streiten“ muss. Das Leben findet auf der Straße statt und es gibt ständig was zu sehen, erleben und entdecken. Die heiligen Kühe stehen auf den Straßen oder am Straßenrand rum, zusammen mit Ziegen & Co.
Und ja es ist dreckig.
Und ja es ist laut.
Und ja es ist anstrengend…
Aber irgendwie fühlt es sich auch gut und richtig an, wieder hier zu sein…
Ich glaub Indien und ich könnten dieses Mal vielleicht doch noch Freunde werden….

Namaste Indien!

6 Kommentare

  1. Hallo, liebe Carmen,
    was für ein unglaulich interessanter, detaillierter Bericht!! Und die Fotos wieder…
    Toll, vielen Dank. Ich warte mit Spannung auf die Fortsetzung.
    Das hört sich für mich alles ziemlich anstrengend an, mag u.a. auch daran liegen, dass es mir nach wie vor sehr schlecht geht. Umso mehr bin ich an dem Verlauf interessiert. Vielleicht kannst du dich noch mal ganz gezielt wegen meiner Problematik informieren?!? Ich wäre bereit, das alles auf mich zu nehmen, wenn es einen gewissen Erfolg versprechen würde (ich weiß, das kann man nicht verlangen, aber vielleicht gibt es ja Erfahrungswerte??).
    Ich freu mich schon sehr, sehr auf den nächsten Bericht und grüße dich sehr herzlich aus dem nebeligen November-Ampfing,

    Sylvia
    PS: Und immer schön durchhalten, gell :-))

    • Maral

      Hallo Sylvia,

      es tut mir leid, dass es dir noch nicht besser geht! Ich denke oft an dich! Ich werde den Arzt gezielt nach seiner Meinung fragen, ob dir eine entsprechende Ayurvedakur helfen könnte. Das Resort hier würde ich dir ansonsten sofort empfehlen. Ich glaube es würde dir hier gut gefallen.
      Ich bin selber über die Fortsetzung und die Langezeit Wirkung der Kur gespannt. Ich halte dich und euch auf den Laufenden… Das Durchhalten kann ich gut gebrauchen, hab seit gestern eine neue Behandlung bekommen, die wieder eher in die Richtung unangenehm geht :-)

      Ich genieße es sehr hier wieder im Sommer zu sein und dem Herbst daheim zu entkommen :-)

      GLG aus Kerala
      Carmen

  2. Endlich mal wieder ein Beittrag von Dir, liebe Carmen! Dachte schon, Du schreibst nimmer…
    Woei mir dann erstmal mein Frühstückskaffee wieder fast hochgekommen ist… Therapeutisches Übergeben?! Einlauf mit wieviel Liter?? Oh mein Gott!
    Ich musste mal eben meine romantischen Ölguss-Vorstellungen einer Ayurveda-Kur revidieren.
    Wobei, erleben würde ich es ja schon mal gerne…
    Bis dahin trink ich aber erstmal meinen Kaffee weiter und freu mich, bald wieder von Dir zu hören!
    Liebe Grüße, Nicole

    • Maral

      Ja Ayurveda ist nicht gleich Wellness, das lernt man hier auf die harte Tour…
      Hoffe mein nächster Bericht wird wieder bekömmlicher und genießbarer mit Kaffee :-)

      GLG aus Kerala
      Carmen

  3. Hallo Carmen,
    Du bist wieder in Indien! Dein Bericht ist sehr interessant, Ayurveda auf gut deutsch und zum besseren Verständnis 😉

    Deine letzen fünf Sätze bereiten mir feuchte Augen.
    Mit Abstand betrachtet schätze ich meine Indien Erfahrungen mehr und mehr, was mir vor Ort nicht direkt bewusst war..

    Ich wünsche Dir eine gute und glückliche Zeit!
    Namaste,
    Mandy

    • Maral

      Danke dir liebe Mandy.
      Ja so eine Indienreise wirkt lange nach, kann ich nur bestätigen.
      Ich sag ja immer: „eine Indienreise verändert dich, egal ob man spirituell ist oder nicht, egal ob man Indien mag oder nicht. Dieses Land macht etwas mit dir!“ :-)
      Und je mehr man sich auf dieses Land, seine Leute, seine Kultur, seine Geschichte einlässt, desto tiefgreifender geht es…
      Namaste
      Carmen

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