Die Schwerelosigkeit der Stille

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Neben Yoga war es eines meiner großen Reiseziele einen Tauchkurs zu machen. Wobei es genau genommen nicht meine Idee war, sondern mir von diversen Leuten (Ex-Kollegen & Freunden) eindringlich ans Herz gelegt wurde. Und was wäre eine Reise wie diese, wenn ich nicht manchmal auch was machen würde, vor dem ich Panik habe und meine eigenen Grenzen im Kopf überschreiten muß.

Ich muß erklärenderweise hinzufügen, dass ich zwar ein guter und begeisteter Schwimmer bin, ich habe auch keine Angst vor Wasser, aber nur, so lange ich weiß, was unter mir im Wasser vor sich geht. Filme, mit denen ich aufgewachsen bin, wie „Der weiße Hai“ und Geschichten von Seeungeheuern wie Loch Ness haben dazu beigetragen, dass ich extreme Angst vor den „Monstern“ im Meer habe, die nur darauf warten anzugreifen. Tauchen ist sozusagen nun meine Konfrontationstherapie mit meiner Urangst vor der Unterwasserwelt. Ganz abgesehen vor der Angst, keine Luft mehr zu bekommen, zu ersticken, zu ertrinken, im Tiefen Nichts zu verschwinden,…

Oh man und ich hatte echt richtig Schiß als der Tauchkurs begann. War mehr als erleichtert als ich erfuhr, dass der erste Tag nur Theorie an Land ist. Nochmal Glück gehabt. Mit meiner vorbildlichen deutschen Gründlichkeit hab ich also das Theoriebuch von vorne bis hinten bis 11 Uhr Abends durchgeackert. Zugegebenermaßen war ich schon immer ein Streber und so manche alten Verhaltensmuster legt man auch auf einer gechillten Insel in Südostasien nicht ab.

Und es gibt eine Menge zu wissen und zu lernen, vor allem, wenn einen Physik bisher nie interessiert hat und eher ein Fremdwort ist:

  • Wieso schwimmt manches und anderes geht unter? Wie kann man sich das beim Tauchen zu Nutze machen?
  • Was ist Druck eigentlich? Was hat es mit dem Druck unter Wasser auf sich? Und wie schafft man es den Druck auszugleichen?
  • Wie verändert sich das Volumen von Luft unter Wasser? Und wie vermeidet man, dass einem die Lunge platzt? Eine meiner größten Ängste! Die Lösung: Atmen! Immer atmen! Egal was passiert. Die oberste Regel beim Tauchen: Nie die Luft anhalten! Da ich diese Regel seit August auch schon beim Yoga anwende, fällt mir das nicht sonderlich schwer.
  • Etc. etc. Will euch hier ja nicht mit der grauen Theorie langweilen sondern mit der farbenfrohen Unterwasserwelt begeistern

Am zweiten Tag gings dann in Ermangelung eines Pools schon ins Meer, wenn auch nur soweit man noch stehen konnte, sozusagen für die ersten „Trocken“-Übungen. Im Kurs werden alle möglichen Notfälle unter Wasser durchgespielt. So hat man dann eine gewisse Chance hat sich im wirklichen Extremfall richtig zu verhalten und keine Panik zu bekommen, denn ein zu schnelles Auftauchen ist nicht zu empfehle. Davon kann man die Dekompressionskrankheit (Taucherkrankheit) bekommen. Und das soll nicht lustig sein. Notfälle sind zum Beispiel: Tauchmaske mit Wasser voll gelaufen, Luft aus, Luft beim Buddy aus, Mundstück tauschen, Tauchweste mit Sauerstoffflasche ausziehen (im Fall, dass man sich wo verheddert), etc.

Am 3ten und 4ten Tag des Kurses gings dann richtig los. Erst auf 12m Tiefe am darauffolgenden Tag auf 18m, meine momentane max. Tiefe, die ich mit dem gemachten Tauchschein tauchen darf. Nach dem wir etwas Zeit hatten Vertrauen in die Gerätschaften zu fassen und uns an das Atmen mit der Sauerstoffflasche und dem Mundstück zugewöhnen, hieß es abtauchen. Langsam, Stück für Stück und mit ständigem Druckausgleich. Boah, mir war das erste Mal schon richtig mulmig zumute… puh…, aber gleichzeitig war es auch fruchtbar aufregend. Unten angekommen, hat mich die Unterwasserwelt sofort in Beschlag genommen, so war gar kein Platz mehr für Sorgen, Bedenken oder die Suche nach den Monstern. Bisherige Monster-Bilanz nach 8 Tauchgängen: Immer noch Fehlanzeige!

Am liebsten würde ich jeden Tag tauchen gehen, nur leider ist es ziemlich teuer. Ein Tauchgang kostet in Thailand zwischen 30-40 Euro, was meinem ungefähren Tagesbudget für alle Ausgaben inkl. Unterkunft und Essen entspricht. Hm… Stehe also vor der Entscheidung: Tauchen und dafür hungern und am Strand schlafen? Oder als nächstes Land die Philippinen bereisen, das extrem toll zum Tauchen sein muss und um die Hälfte billiger…. Die Entscheidung ist bereits gefallen.

Was macht die Faszination beim Tauchen aus?

  1. Die Unterwasserwelt: Die Unterwasserwelt ist einfach unbeschreiblich. Auch die tollen Fotos können nicht annähernd zeigen, wie toll und unglaublich die Welt unter Wasser ist. Es kommt einen vor, als würde man in eine komplett andere Welt abtauchen…. Andere Formen, andere Farben, andere Strukturen,… ja es scheinen hier auch ganz andere Naturgesetze zu herrschen. Irgendwie kommt man sich als Eindringling vor, dem für kurze Zeit erlaubt ist, einen kleinen ungelenken Blick in diese faszinierende schwerelose Welt zu werfen.
  2. Die Fische: Das Beobachten der Fische ist lustig, interessant und spannend. Irgendwie kommt es mir vor, wie auf Safari in Afrika. Jeder sucht nach den Elefanten oder Nashörnern und hat einer ein wildes Tier entdeckt, wird ganz aufgeregt darauf gezeigt um alle darauf aufmerksam zu machen. Eigentlich ist es unter Wasser genauso… Immer auf der Suche nach den seltenen Fischen und jeder ist ganz aus dem Häuschen, wenn er einen entdeckt… Neben den seltenen Fischen, gibt es noch die anderen „Fischgruppen“, zugegebener Maßen meine selbst erfundenen Gruppen. Es gibt die lustigen „Kamikaze“-Fische, die direkt auf einen zu schwimmen, um nur knapp vor einem in einer abrupten 90 Grad Kurve abzudrehen… Manche schwimmen einfach mit einem für einige Zeit mit, oder schwimmen unbeeindruckt seitlich vorbei ohne scheinbar irgend eine Notiz von den riesigen Tauchern gleich daneben zu nehmen. Manche versuchen auch ihr Revier zu verteidigen und stupsen einem ständig an die Beine… sehr lustig… Der 5 cm lange Fisch verteidigt sein Revier gehen einen 177 cm langen Taucher. Mutig! Muss ich schon sagen! Gott sei Dank waren die Revierverteidiger bisher alle so klein und putzig!
  3. Die Stille: Im Gegensatz zur Welt oben, ist die Welt unten (fast) komplett still. Man hört nur seinen Atem und das Geblubber des Sauerstoffs. Reden unmöglich. Im Kurs lernt man deshalb auch die Taucher-Zeichensprache um sich notdürftig zu verständigen. „Alles OK“ ist zum Beispiel ein Kreis, der durch Daumen und Zeigefinger geformt wird… Aber obwohl nicht gesprochen wird, ist man ständig in Kontakt. Man taucht nie alleine, sondern hat immer einen „Buddy“, d. h. einen Tauchgefährten dabei. Mit seinem Buddy ist man ständig in Blickkontakt und sollte sich nie zu weit voneinander entfernen, damit wenn einem zum Beispiel die Luft ausgeht man mit an seine Sauerstoffflasche kann. Ich mag das Buddy-System fühle mich dadurch sicherer unter Wasser und man lernt viele neue Leute kenne…
  4. Die Schwerelosigkeit: Aber mit am meisten bin ich von der Schwerelosigkeit unter Wasser begeistert. Man gleitet und schwebt langsam durchs Wasser! Schwebt neben den Fischen mit her und glaubt irgendwann selber, dass man ein Fisch sei! Echt! Ungelogen! Um Luft zu sparen und um keine Korallen zu zerstören versucht man sich so wenig wie möglich zu bewegen, dass heißt Arme eng am Körper, geschwommen wird nur mit den Beinen und Flossen und die Höhe wird mit der Atmung bestimmt. Das ist echt mit das coolste!  Durch Einatmen steigt man auf, beim Ausatmen sinkt man wieder. Kommt zum Beispiel ein Stein, versucht man schon vorher etwas tiefer einzuatmen und ganz automatisch steigt man etwas in die Höhe, nach dem Stein kann man wieder etwas kräftiger ausatmen und schon ist man wieder auf Bodenhöhe abgesunken….

Danke an alle, die hart daran gearbeitet haben, damit ich mich auf dieses Abenteuer einlasse und in diese neue absolut faszinierende Welt eintauche!

8 Kommentare

  1. Oh Mann, sooo toll, Carmen!
    So stolz, dass Du Dich getraut hast! Schwanke zwischen total neidisch und hätte ich mich eh nie getraut. Krieg schon bei dem Gedanken an Sauerstoff nur über dieses komische Ding Schnappatmung… Aber die Bilder sind so toll! Und Du siehst so gut aus, Mensch… Da kann ich noch tausend Kilometer hier durch die Pampa hatschen…
    Also Flug zu den Philippinen schon gebucht? 😉
    Liebe Grüße,
    Nicole

    • Maral

      Ja, ich dachte mir auch immer, dass trau ich mich nie, das zieh ich nie durch. Schon gar nicht allein! Aber ich habs getan :-) Bin auch wahnsinnig stolz auf mich. Und die Unterwasserwelt belohnt einen mehr als genug!
      Danke für das Kompliment! 2 Monate am Strand und in der Sonne wirken Wunder! Aber warte nur, bis daheim die Sonne rauskommt, dann holst du dir bei deinen 5km täglich auch die Sonne ins Gesicht und Herz :-)
      Hab schweren Herzens den Plan mit den Philippinen wieder verworfen. Trotz Erholung in Thailand fehlt mir die Kraft zum Weiterreisen. Es geht nun als nächstes nach Bali. 4 Wochen Yoga. Und auf Bali kann man ja auch tauchen….

  2. Hey Carmen,
    das ist soooo wunder wunderschön… ich bin ganz sprachlos.
    Wenn das mal nicht die richtige Entscheidung war – hammer.
    Dann gehts wohl weiter zu den Philippinen?
    Drück dich ganz feste du Meernixe!
    LG Bine

    • Maral

      Ja, das ist es wirklich wunder-wunder-schön! Und die Bilder geben die Eindrücke und das Gefühl nicht annähernd wieder! Sprachlos war ich gezwungenermaßen unter Wasser auch, aber in meinem Kopf war non-stopp: OH MY GOD – OH MY GOD – OH MY GOD.
      Drück dich auch ganz fest!!!!
      GLG nach Augsburg!!!!

  3. Grüß dich Carmen, jetzt hab ich meine Hasis geweckt, während ich die Bilder anschaute. Mit lautem WOW, AH, OH MANN. Aber wirklich, danke für die atemberaubenden Bilder, die deinen Text komplett bestätigt haben. Und – jetzt geht’s wirklich damit weiter??
    Und ich wollte dir schreiben, dass ich den Mut gefunden habe, mich nach 35 Jahren doch wider aller Pläne wieder hinters Steuer zu klemmen, zuerst mit Fahrlehrer, ab Mittwoch mit dem ersten eigenen Auto alleine. Aber das kommt
    mir jetzt dann doch ein wenig, äh, lahm vor. Hat mich aber sehr, sehr viel Überwindung gekostet, weil ich Angst vor Autos und Autofahren habe.
    Du bist echt toll! Ganz liebe Grüße aus Ampfing von Sylvia

    • Maral

      WOW Sylvia! Gratuliere dir zu deinem Schritt und Mut! Manchmal muss mein seine eigenen Grenzen im Kopf überschreiten und später kann man nur noch über die eigene „Beschränktheit“ lachen!

  4. OHHHHHH Carmen, ich bewunder deine Seite so oft und freu mich sehr für dich, dass du den Trip so durchgezogen hast und dich von nichts und überhaupt gar nichts mehr bremsen lässt…. (ob sie jemals wieder kommt).
    als deine Karte kam bin ich ganz ehrfürchtig vor ihr gesessen und hab sie wie GOLD behandelt. GOLD MARAL 😉 i wünsch dir no ganzzzzz viele tolle erlebnisse, eindrücke und bitte komm wieder… oder muss man dich wo abholen????
    liebste grüsse
    steffi

    • Maral

      OHHHHH liebe Steffi, danke für deine lieben Worte… Tja wie es aussieht, musst du mich abholen :-) Bin grad auf Bali und ich liebe es, hier mag ich nicht mehr weg!!!!

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