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Indischer Roadtrip – fast and furious

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Eigentlich hab ich ja gesagt, es sei nun Schluss mit Abenteuer, allerdings tu ich mich etwas schwer damit es auch wirklich ganz zu lassen… Ist es nicht so, dass man an Herausforderungen wächst? Sich seinen Ängsten stellen muss? Also her mit neuen Abenteuern und Herausforderungen! Mein neues Abenteuer: Ich bin aktiver Teilnehmer am indischen Straßenverkehr!

Einige werden sich nun denken: „Na und?“ deshalb eine kleine Vorgeschichte.
Als ich ein Teenager war, sind innerhalb von kurzer Zeit in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin 2 Jungs auf dem Moped ums Leben gekommen (einer davon mein Klassenkamerad) und ein Motorradfahrer hat einen Unfall nur knapp überlebt und ist seit dem schwerbehindert. Dies hat mich sehr geschockt und ich hab mir damals geschworen: „auf so ein Teil steig ich nie nie nie!“ … meinen Schwur bin ich die letzten 20 Jahre auch fast immer treu geblieben. Auch aus Angst, die tief saß! Auf meiner Weltreise im letzten Jahr blieb mir aber in manchen Situationen nichts anderes übrig als manchmal auf einen Roller oder Motorrad zu steigen und mitzufahren (natürlich ohne Helm), den in vielen Ländern ist das das einzig verfügbare Taxi. Und wieder einmal musste ich feststellen, die Angst ist nur reine Kopfsache. Mir hat es sogar wahnsinnig Spaß gemacht: das Gefühl von Freiheit, der warme Fahrtwind auf der Haut, Staus einfach davonzufahren, etc… Insbesondere auf Bali hab ich mich über mich selber geärgert, dass ich nicht selber Roller fahren kann und mir fest vorgenommen, dass ich das lernen muss. Mein Plan war deshalb zurück in Deutschland unter normalen geordneten Verkehrsbedingungen Roller fahren zu lernen um dann bei meiner nächsten Auslandsreise für den chaotischen Straßenverkehr gewappnet zu sein. Und so kams dann auch und schneller als gedacht, war ich wieder in Indien …

In Indien angekommen war ich mir erst unschlüssig, ob es sich überhaupt „lohnt“ einen Roller zu mieten und ehrlich hatte ich auch bisserl Bammel davor. Hier ist Linksverkehr, die Straßen sind teilweise mehr als schlecht, Regeln gibt es scheinbar keine und ich bin Roller-Fahranfänger, … Aber die Entscheidung wurde mir bereits am zweiten Tag abgenommen. Ich war einkaufen und wollte mit den ganzen Einkäufen nicht heimlaufen und mir deshalb eine Rikshaw nehmen. Ich weiß, dass der Preis für die Fahrt max. 40 Rupies beträgt (ca. 50 Cent) und das ist höchstwahrscheinlich schon Touripreis. Der Rikshawfahrer wollte aber 90 Rupies und ist nicht davon abgewichen. Pah, nicht mit mir! Statt 50 Cent zu viel den Rikshawfahrern in den gierigen und dreisten Rachen zu werfen, hab ich mir lieber für 30 Euro einen Roller gemietet. Hah! Selbst ist die Frau! Melissa, eine Freundin, die ich noch vom letzten Jahr kenne und auch wieder zeitgleich hier ist, ist mit mir am ersten Tag ein bisserl rumgefahren, damit ich mich an den Verkehr gewöhne und dann gings los. Fast and Furious!

Sehr interessant ist, wie sich die Blicke verändern, wenn man sich von der Fußgängerin auf Rollerfahrerin upgraded. Keine anzüglichen sondern nur überraschte Blicke. Zum todlachen, wenn Melissa mit dem Motorrad unterwegs ist und hinter ihr noch 2-3 Roller herfahren. Alle weiß. Alles Frauen… Hahaha… die Leute bleiben echt stehen und drehen sich um und schauen uns nach. Frauen & Motorrad geht in Indien eigentlich nicht zusammen. Letztes Jahr hat Melissa 2 Wochen lang gesucht, bis sie endlich einen gefunden hat, der ihr als Frau ein Motorrad vermietet hat. Dieses Jahr war sie schon bekannt und hat sofort ein Motorrad vermietet bekommen, den alle konnten sich letztes Jahr ja davon überzeugen, dass sie tatsächlich auch gut damit fahren kann. Einen Roller zu mieten, ist dagegen nicht schwierig. Ich hab nicht mal meinen Führerschein zeigen müssen. Gott sei Dank! Der liegt nämlich in Deutschland, wie ich feststellen musste :-)

Nun aber auf die Straße: die einzig erkennbare Regel, die ich bisher rausfinden konnte: Wer hupt hat Vorfahrt! In meinen 20 Jahren, die ich Autofahre hab ich vielleicht… keine Ahnung… 3x gehupt?? Hier hupe ich auf jeder Kreuzung! So geil! Hupen macht süchtig! Allerdings muss man es dann auch durchziehen: 3-5 m vor der Kreuzung hupen und dann gnadenlos drüber, ohne Rücksicht auf Verluste. Zögert man, sind alle verwirrt…
Linksverkehr ist easy, weil so genau nehmen tut das keiner und es ist nur eine grobe Orientierung. Eigentlich kann man immer und überall auch in die andere Richtung fahren. Sehr zum Vorteil, wenn man nach Kreuzungen doch mal auf die andere Seite fährt oder aus Versehen Einbahnstraßen erwischt. Keiner regt sich auf, es wird nicht mal gehupt. Da es kaum Straßenmarkierungen gibt, definiert scheinbar jeder für sich selber wo rechts und links anfängt und aufhört. Ein weiteres ungeschriebenes Gesetz scheint zu lauten: „Du bist für den Bereich 1,5 m vor dir zuständig. Um alles andere muss du dich nicht kümmern.“ Biegt man deshalb links in eine Straße ein und ist sie noch so groß und befahren, egal, einfach reinfahren, ohne auch nur ansatzweise zu schauen, was von rechts kommt. Die, die schon auf der Straße sind und von Rechts kommen werden schon aufpassen und müssen halt notfalls bremsen oder ausweichen. Da jeder nur für den Bereich vor einem zuständig ist, hupen auch alle, die von hinten kommen um zu sagen „hallo, pass auf, ich bin hinter dir und überhol dich jetzt“. Ich benutze zwar trotzdem meine Seitenspiegel, aber es scheint, hier fährt man mehr auf Gehör, als auf Sicht, zumindest was den Verkehr von hinten kommend anbelangt.

Roller zu fahren in Indien macht echt Spaß und ich bekomm im Moment nicht genug davon. Es fühlt sich an, als würde man in einem Computerspiel vorm Computer sitzen. Hier in Gokulam, den Vorort von Mysore wo ich Yoga mache ist es sehr ruhig, das ist quasi das erste Level, sobald man aber auf die größeren Straßen kommt bzw. Richtung Stadt fährt geht’s los und man ist plötzlich einige Level weiter. Man muss jede Sekunde auf alles gefasst sein und seinen Joystick respektive Roller entsprechend manövrieren. Es kann in jeder Sekunde alles aus allen Richtungen passieren. Konzentration pur ist also gefragt. Achtung Geisterfahrer von links. Achtung Kuh auf der Fahrbahn.. oh  nein, es ist nicht nur eine, sondern mehrere. Achtung 20 cm tiefes Schlagloch vor dir oder kaum sichtbarer Speedbump vor dir. Bremmmmssssennnn!!! Rikshaws sind lästige, langsame, die Sicht versperrende und Luft verpestende Monster, die man schnellstmöglich links oder rechts überholen muss, vorher am besten kurz hupen, falls es ein unberechenbares Monster ist. Rikshaw überholen gibt 10 Punkte. Bus überholen gibt dagegen 50 Punkte. Man muss immer damit rechnen, dass aus dem fahrenden Bus, egal welche Geschwindigkeit, Fahrgäste aussteigen. Blinker werden eher nie gesetzt, dafür Handzeichen gegeben. Und Bussfahrer sind etwas gnadenloser als Rikshawfahrer. Die Straßen sind extrem voll und sich durchzuschlängeln ist wie ein Hindernislauf. Zick Zack Zick Zack Hupen, Bremsen, Ausweichen, Rechts Links Rechts Links Link Links Bremsen Zick Zack Zick Zack. Extra Punkte gibt es, wenn man sich an den roten Ampeln vorteilhaft platziert, vordrängeln ist also angesagt und man gesellt sich zu den zig anderen Roller und Motorradfahrer in vordester Front. Es geht nicht nur rein darum, als erster losstarten zu können und freie Fahrt zu haben, nein, es geht auch darum atmen zu können. Die Abgase sind teilweise krass. Am schlimmsten sind die Rikshaws und Busse. Sind mehrere Busse und Rikshaws an einer Stelle unterwegs fährt man manchmal richtig in eine schwarz-graue Nebelwolke aus Abgasen rein… Gesund kann das nicht sein.
Das Konzept indischer Kreisverkehre hab ich noch nicht wirklich durchschaut. Man hat nicht automatisch Vorfahrt ist man mal drin, zumindest nicht immer. Manchmal wird auch mitten im Kreisverkehr gehalten, um die von links kommenden Autos reinzulassen. Da die Straßen eh immer brechend voll sind, hat es sich bewährt einfach das zu machen, was die 5 rechts und links von einem machen. Im Zweifel hupen und durch!

Der indische Lehrer, bei dem ich einen Nachmittagskurs belegt habe, gab ein gutes Beispiel zwar in einem anderen Zusammenhang, aber ich finde es passt auch perfekt zu den Verkehrsregeln:
Im Westen sagt man „Take care!“ bei der Verabschiedung, was so viel heißt, wie „Pass auf dich auf!“ und in Klammern (weil es sonst keiner tut). In Indien sagt man das nicht, weil jeder auf jeden aufpasst! Und das ist echt so, zumindest im Straßenverkehr. Man fließt gemeinsam in einer großen Masse, ohne Leute mit Egoproblemen. Hat jemand was zu sagen, wird gehupt. Was hier aber eher freundlich ist: Auf Kreuzungen: „Ole, ole, ole, ich komme und fahr als erstes!“, auf Straßen: „Hey, pass auf, ich bin hinter dir und werde dich jetzt überholen“. In Deutschland hat das Hupen ja eher was von „Hey du blödes Arschloch, weg aus meiner Fahrbahn! WEG! Hab ich gesagt!!!! Jeder fährt für sich und alle sind irgendwie auf dem Egotrip! „Hey ich hab aber Vorfahrt!“ In Indien haben alle gemeinsam Vorfahrt, alles ist im Fluß…

In Deutschland mit seinem Roller mit 50km unterwegs zu sein ist mutig und ich hatte echt teilweise Angst auf der Straße. Keiner rechnet ja wirklich mit einem langsamen Roller auf der Straße. In Deutschland gibt es gute Straßen, die Autos sind schnell und damit auch der Verkehr. In Indien sind die Straßen schlecht, die Fortbewegungsmittel veraltet und langsam und damit auch der Verkehr langsam. In Indien mit einem Roller unterwegs zu sein, macht nur Spaß. Roller sind die schnellere und wendige Art sich fortzubewegen. Und man reiht sich ein zu den anderen Millionen Rollerfahrern. Es lebe die Freiheit auf 2 Rädern unterwegs zu sein! Fuck you Rikshawdriver!

 

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