dann auf die Finger und rein damit!

Indische Kurzgeschichten III

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Einführung in die indische Esskultur

Für mich ist es das selbstverständlichste auf der Welt mit Messer und Gabel oder Löffel zu essen. Wir haben das von Klein auf so gelernt. Es gehört zu den guten (Tisch-)Manieren (zumindest im Westen) und ist aus unserer Sicht hygienischer. In vielen anderen Ländern dagegen ist es selbstverständlich mit den Händen zu essen. Je länger ich unterwegs bin, desto mehr fasziniert es mich, mit den Fingern zu essen. Ich beobachte im Restaurant seit langem die Einheimischen, wie geschickt und mühelos sie ohne Besteck essen. Und ich frage mich, wieso essen alle immer noch mit den Fingern? Viele Inder sind in der Moderne angekommen, haben neben dem Teller auf dem Tisch ein Smartphone liegen, sind westlich gekleidet, etc, weigern sich aber scheinbar mit Besteck zu essen. Es kann nicht daran liegen, dass es kein Besteck gibt. Auch wenn Indien ein armes Land ist, gibt es in allen Restaurants Besteck. Außerdem ist das Alu-Besteck, das man meistens bekommt nicht teuer und jeder könnte es sich leisten. Wieso also essen alle weiterhin mit den Händen? Irgendwas muss da noch sein. Ich will mich nicht mehr länger ausgeschlossen und unwissend fühlen und somit ist meine neue Mission, dem „Geheimnis“ auf die Spur zu kommen.

Die Hemmschwelle ist ungemein groß. Jeder hat schon mal Reis und Curry gesehen. Es ist pampig, flüssig, ölig und Reis hat jetzt auch nicht unbedingt eine stabile, feste Konsistenz, die man als Löffel verwenden könnte, was dagegen mit Chapatis, Naan oder Rotis (indische Brote) gut funktioniert. Diese erste Hürde zu überwinden und seine Finger in das Essen einzutauchen lohnt sich aber auf jeden Fall. Hat man die Technik raus, ist es toll. Man nimmt man das Essen intensiver und bewusster wahr. Ist es zu heiß? Zu kalt? Welche Konsistenz hat das Essen? Wie fühlt es sich an? Cremig? Dünnflüssig? Wie fühlt sich das Gemüse an? Zerkocht oder grad richtig? Die Verbindung zum Essen wird kürzer und damit enger. Direkter. Mit den Fingern zu essen hat etwas sinnliches. Außer sehen, riechen, schmecken kommt nun noch der Tastsinn dazu. Das ist jedes Mal ein Erlebnis!

Aber wie macht man es nun eigentlich genau? Als erstes immer Händewaschen. In jedem Restaurant gibt es dafür eigene Washrooms oder Waschbecken an der Seite. Verwendet wird natürlich nur die rechte Hand. Mit den Fingern mischt man Curry und Reis für eine Mundportion zusammen und schiebt es dann in den Mund, wobei Zeigefinger bis kleiner Finger wie ein Löffel das Essen tragen und der Daumen schiebt von hinten, von der Handfläche kommend, das Essen in den Mund. Ganz wichtig – diesen Tipp hab ich leider erst nach Tagen erhalten – es müssen alle 4 Finger (Zeigefinger bis kleiner Finger) in den Mund, dann ist es auch eine saubere Angelegenheit und es fällt nicht rechts und links alles daneben…

Eigentlich ist alles auch wieder gar nicht so exotisch, denn wenn ich so recht überlege, Pommes oder Pizza schmecken zu Hause mit den Händen gegessen auch 1000x besser als mit Besteck! Oder? Nur die guten Manieren verbieten es. Manchmal ist es aber auch ganz gut, seine guten Manieren und seine gute Kinderstube zu vergessen und das Leben inklusive Essen mit allen Sinnen zu geniessen!

 

2 Kommentare

  1. Ich esse ja wahnsinnig gerne mit den Händen und ernte dafür beim Inder in Deutschland auch gerne mal komische Blicke. Eine indische Freundin, mit der ich das Thema auch mal diskutiert habe, behauptete, dass es mit den Händen einfach besser schmeckt. Das ist wohl der Aspekt „mit allen Sinnen“, den Du erwähnst. Finde ich überzeugend!

    • Maral

      Hahaha, das kann ich mir gut vorstellen, dass in Deutschland alle große Augen machen, wenn man sein Curry mit den Fingern isst. Oh, darauf freu ich mich schon, wenn (falls) ich wieder zurück bin…. Hahaha

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